Eigentlich wollten Joe und ich heute nach Norden fliegen. Doch das Wetter lässt dies nicht zu. Je weiter man sich von den Alpen entfernt, desto windiger und schlechter wird es. Also entscheiden wir uns für ein Alternativprogramm, welches ich vorbereitet in meiner Schublade liegen hatte.

Es geht nach Agathazell, an der Bayerischen Grenze zu Baden-Württemberg unweit des Bodensees gelegen. Dieser Segelflugplatz ist damit auch der südlichste Flugplatz Deutschlands.

Um 10.00 Uhr geht es los. Am wenigsten Wind meldet die Vorhersage an den Alpen. Die Windy-App zeigt, dass in 3000ft auf Höhe Regensburg satte 31kts Westwind wehen, nach Süden abnehmend bis auf nur noch wenige Knoten am Alpenrand. Daher fliegen wir gleich Richtung Rosenheim und hangeln uns dann am Alpenrand entlang. Zeitweise haben wir 20 km/h Gegenwind, manchmal auch gar keinen.

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Wir sehen den Kochelsee und kurz vor dem Staffelsee ragt die schneebedeckte Zugspitze majestätisch in den Himmel. Noch hält das Wetter. Ab Mittag soll es von Südwesten her schlechter werden.

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Knapp neben der Ortschaft Steingaden fällt ein NOTAM auf, das nie zu verschwinden scheint. In der Beschreibung heißt es, dass Militärflüge dort keine Überflüge unter 4400ft machen dürfen. Grund für das NOTAM ist die Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland auf der Wies, kurz Wieskirche genannt. Sie gehört zum UNESCO-Welterbe. Nachdem im Jahr 1984 ein paar Brocken der Deckenverzierung heruntergefallen waren und dies in Zusammenhang mit einem militärischen Tiefflug gebracht wurde, setzte man sich zur Erhaltung der Kirche für dieses NOTAM ein. Wir sind kein Militärflieger und unsere Schallwellen werden der Kirche wohl kaum schaden, daher drehen wir eine Runde um diese.

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Wenige Minuten später taucht links neben uns der Forggensee mit den Schlössern Neuschwanstein und Hohenschwangau auf.

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Nun ist es nicht mehr weit. Das ist auch gut so, denn das Wetter sieht weiter im Westen schon nicht mehr so gut aus. Regen ist im Anmarsch.
Der Anflug auf den 2381 ft hoch gelegenen Segelflugplatz Agathazell erfordert noch einmal größere Aufmerksamkeit, denn man fliegt zwischen höheren Bergen in ein engeres Tal ein. Auf unserer linken Seite türmt sich der Bergrücken Grünten 1738 m hoch auf. Diesen müssen wir nördlich und westlich umfliegen. Zu viel Spielraum ist da nicht, denn zwischen Grünten und der Bundesstraße B19 verläuft eine andere längere Hügelkette. Knapp an und über dieser geht es vorbei, um in den Direktanflug auf die Piste 18 zu kommen. Klar, dass uns dort härtere Leeturbulenzen bei dem heutigen Westwind treffen.

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Flaps 3 gesetzt geht es steiler abwärts. Am Boden erwartet uns eine 640x30m lange Bahn aus Betonformsteinen. Wobei die Betonbahn nur 6 m breit ist, der Rest an beiden Seiten ist Gras. Ein Flurbereinigungsweg kreuzt die Bahn etwa in der Mitte. Dort regelt eine Ampel den Verkehr für die Fahrzeuge, wenn Flugzeuge landen und starten.

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Der Flugplatz besticht durch sein tolles Panorama inmitten der Allgäuer Alpen. Nur leider heute etwas getrübt durch das schlechte Wetter.

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Die Leute hier sind nett, man freut sich über unseren Besuch. Ebenso freuen wir uns, dass extra jemand für uns zum Platz gekommen ist, sodass wir landen konnten.
Leider können wir nicht lange bleiben, da es bereits zu tröpfeln beginnt und die Sicht immer trüber wird.
Um 11.40 Uhr schiebt Joe den Gashebel auf der Piste 18 nach vorne. Wir beschleunigen und alles läuft nach Plan. Doch gerade als die Haupträder den Boden verlassen, erfasst uns ein strammer Westwind direkt 90° von rechts. Sofort drückt es uns weg von der Betonbahn. Zugleich baut sich kaum mehr Geschwindigkeit auf. Da muss man cool bleiben und die Maschine weiter knapp über dem Boden halten, auch wenn gute 100 m nach der Bahn ein Hügel mit Bäumen den Weg versperrt. Erst wenn die Geschwindigkeit ausreichend ist, kann gezogen werden. Und dann gleich leicht links, also nach Osten, abdrehen, um Abstand zum Bauernhof direkt in Verlängerung der Piste zu gewinnen. Denn das ist der (zum Glück) einzige Lärmgegner des Flugplatzes. Nach dem Abdrehen können wir fliegen wie wir wollen, denn keiner beschwert sich hier, selbst bei tiefen Überflügen über den Wohnhäusern. Das nenne ich mal Freiheit!

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Im Abflug fängt es dann stärker zu regnen an. Zum Glück können wir nun den starken Westwind für den Rückflug ausnutzen. Mit teilweise bis zu 138kts (255 km/h!) in Reisedrehzahl jetten wir der Heimat entgegen. Dieses Mal etwas weiter von den Bergen entfernt, um mehr Rückenwind mitzunehmen. Die erste Zeit ist die Sicht noch etwas vom Regen getrübt…

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…doch kurz vor dem Starnberger See hört es auf zu regnen.

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Mit Nordostkurs geht es weiter Richtung Ampfing. Dort landen wir nach gut 1:15 Flug.

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Genau rechtzeitig, denn der Regen hat sich schnell weiter ausgebreitet und steht unmittelbar vor der Haustür. Gerade als wir die Maschine nach der Landung in den Hangar schieben, fängt es stärker zu regnen an und auch der Wind frischt böig auf. Das war wohl eine Landung just in time…

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