Heute hebe ich ab
Einmal ein Flugzeug selber fliegen
Mein Tag zwischen Herzklopfen, Staunen und ganz viel Himmel.
Seit Jahren sehe ich in unserer Flugschule, wie die Gäste nach „Ein Flugzeug selber fliegen“ zurückkommen: mit leuchtenden Augen, einem breiten Grinsen und manchmal noch etwas wackligen Knien. Mitgeflogen bin ich selbst schon öfter. Aber das ganze Programm hatte ich noch nie erlebt. Heute wollte ich erfahren, was unsere Gäste dabei genau machen – und endlich selbst spüren, woher dieses Leuchten kommt.
Den Theorieteil hatte ich bei meiner Arbeit oft genug mitbekommen, deshalb wiederholten wir ihn für meinen Flug nicht. Ich wollte zum Flugzeug. Reinsetzen, starten, losfliegen! Michi, mein Mann und heute auch mein Fluglehrer, hatte einen anderen Vorschlag: erst die Checkliste. „Macht ihr die wirklich jedes Mal?“ Ja, auch die Fluglehrer mit vielen Tausend Stunden Erfahrung. Das Gesamtrettungssystem an Bord ist beruhigend, aber es ersetzt keinen Außencheck. Also prüften wir die Breezer Punkt für Punkt. Mein inneres „Juhu!“ musste noch ein paar Minuten warten – und das war auch gut so.
Plötzlich war da nur noch Himmel
„Prop clear!“, rief Michi. Ich drehte den Schlüssel. Der Motor sprang an. Mein Puls blieb noch erstaunlich gelassen – bis ich zum Startpunkt rollen sollte. Die Hand am Steuerknüppel, wollte ich natürlich damit lenken. Denkste. Am Boden übernehmen die Füße: rechts drücken, nach rechts rollen; links drücken, nach links rollen. Weil die Pedale nicht von selbst in die Mitte zurückkommen, fuhr ich erst Zickzack, dann Slalom und am Ende tatsächlich geradeaus. Na bitte!


Am Rollhalt warteten wir, bis das Öl warm genug war. Mein Puls war längst auf Betriebstemperatur. Michi wird mich doch nicht wirklich selbst starten lassen? Doch. Auf der Grasbahn wurde die Breezer schneller und schneller. Gefühlt waren es mindestens tausend Sachen. Michi gab Anweisungen, ich folgte ihnen – und plötzlich war die Wiese weg. Vor mir: nur noch Himmel. Geschwindigkeit im Steigflug halten, Klappen einfahren, rechts in den Querabflug drehen. Eine Aufgabe jagte die nächste. Erst danach fiel mir auf, dass ich zwischendurch offenbar vergessen hatte zu atmen.
Stolz wie Oskar und noch immer ziemlich sprachlos flog ich Richtung Chiemsee und Alpenrand. Michi zeigte mir, wie ich die Breezer austrimmen konnte. Und tatsächlich: Sie hielt Höhe und Kurs weitgehend von selbst. Ich staunte, als hätte mir gerade jemand einen Zaubertrick verraten. „Horizontbild halten“, hörte ich an diesem Tag mehr als einmal. Die Breezer spürte jede winzige Bewegung am Steuerknüppel. Ich musste lernen, ihr nicht mit meinem ganzen Enthusiasmus dazwischenzufunken.
Erst die Kurve. Dann dieser Anblick.
Beim Fernsehturm in Schnaitsee durfte ich Vollkreise fliegen: einmal links, einmal rechts. Ob das auf einer Karte wie Kreise aussieht, möchte ich lieber nicht wissen. Links herum ging es erstaunlich gut. Rechts herum hielt ich wieder die Luft an. Die Schräglage fühlte sich so steil an, als würden wir gleich kopfüber fliegen. Taten wir natürlich nicht.

Dann ging es zum Chiemsee und zur Herreninsel. Mein Puls fand endlich einen ruhigeren Takt. Michi machte Fotos von mir im Cockpit. Darauf sehe ich vielleicht gelassen aus. In meinem Inneren ging es weiterhin auf und ab wie in einer Achterbahn.
„Möchtest du ein Foto vom Schloss Herrenchiemsee und von der Fraueninsel machen?“ Was für eine Frage! Michi übernahm das Steuer und zählte von fünf rückwärts. Zum Glück – so war ich wenigstens vorgewarnt. Die Breezer legte sich in eine Kurve, die sich für mich wahnsinnig steil anfühlte. Einen Moment lang meinte ich, gleich aus dem Sitz zu purzeln. Gut, dass über mir die Haube war! Dann gab die Tragfläche den Blick frei: der Chiemsee, die Inseln, das Schloss und dahinter diese wunderschöne Landschaft. Ich wurde ganz still und ehrfürchtig vor dieser Schönheit. Das Foto, für das wir die Kurve geflogen waren, vergaß ich im ersten Moment völlig.
Lange durfte ich nicht träumen. Ich übernahm wieder das Steuer und sollte den Kurven der Alz folgen. Die Alz hatte eindeutig mehr Kurven, als ich fliegen konnte. Michi erklärte mir geduldig, wie es geht. Mein Ergebnis? Sagen wir: ausbaufähig.
Dann hieß es: zurück nach Ampfing. Jetzt schon? Hatte jemand heimlich an der Uhr gedreht?
Zurück auf der Erde. Noch ganz in der Luft.
Auf dem Rückweg wartete die Navigation. Waldkraiburg finden – klar. Nur wo versteckte es sich aus dieser Perspektive? Mit etwas Hilfe entdeckte ich es. Dann nahm ich das Gas zurück und begann zu sinken. Der Motor wurde leiser. Für einen Moment fühlte sich das merkwürdig an, doch die Breezer flog ruhig weiter. In der Platzrunde kamen die Anweisungen vom rechten Sitz. „Siehst du die Straße? Dort drehen wir rechts ein.“ Jetzt auch noch Geometrie! Die Kurve gelang besser als befürchtet. Danach sollte ich Richtung Kirchturm fliegen und die Grasbahn suchen. Das Schwierige: Von oben sah jede Wiese aus wie ein Flugplatz. Schließlich entdeckte ich den Windsack und die Reiter an der Bahn. Geschwindigkeit im Blick behalten. Eindrehen. Ausschweben lassen. Und dann – fragt mich nicht, wie – berührten die Räder den Boden. Ich rollte zurück zum Hangar.

Erst auf der Flugkarte sah ich, welche Strecke wir zurückgelegt hatten: von Ampfing über Schnaitsee zum Chiemsee und wieder zurück. Kein Wunder, dass ich mich so beschäftigt gefühlt hatte. Nur die Zeit war viel zu schnell vergangen.Nach dem Aussteigen musste ich erst einmal sortieren, was gerade passiert war. Ich hatte ein Flugzeug gesteuert. Ich hatte gelacht, gestaunt, mich erschrocken, konzentriert – und erstaunlich oft das Atmen vergessen.
Wie soll man das alles jemals lernen? Und wie fühlt es sich an, wenn man irgendwann ganz selbstverständlich wieder abheben kann?
Ich weiß nur: Dort oben wurde die Welt für einen Moment zugleich riesengroß und wunderbar still.
Der Blick auf unsere Erde hat mich tief berührt. Ein bisschen beneide ich alle, die ihn immer wieder genießen dürfen.
Und wenn ich jetzt Gäste mit leuchtenden Augen aus dem Cockpit steigen sehe, muss ich nicht mehr fragen, warum sie so strahlen.
Inge




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